Auf Umwegen in den Schweizer Arbeitsmarkt

 

Ein Praktikum als Chance

Anfang 2016 hat sich Filmon Eyob für die HEKS-Kampagne «Chancengleichheit zahlt sich aus» porträtieren lassen – heute absolviert er ein Praktikum bei der IT-Firma Wide. Eine Erfolgsgeschichte.

Filmon Eyob hat in Eritrea eine Informatikausbildung gemacht und während zwei Jahren für ein grosses Telekom-Unternehmen gearbeitet. Als HEKS ihn Anfang dieses Jahres kennenlernte, war es sein grösster Wunsch, auch in der Schweiz eine Stelle als Informatiker zu finden. Ihm war jedoch bewusst, dass er sich dazu noch einige Kenntnisse aneignen musste, vor allem die Fachsprache. Mit der Unterstützung des Integrations-Brücken-Angebots für Erwachsene («I-B-A-20+») des Kantons Zug suchte er deshalb eine Lehrstelle oder ein Praktikum. Im Frühling 2016 bewarb er sich bei der IT-Firma Wide in Zug und erhielt die Zusage für ein einmonatiges Praktikum.

«Wir erhoffen uns, dass wir sein Potenzial für die Firma nutzen und durch seine Anstellung eine Win-win-Situation erzielen können.»

Kerstin Welsch ist Administration Director bei Wide und hat den Anstellungsprozess von Eyob begleitet. Wide habe sich für die Anstellung von Eyob entschieden, weil er aufgrund seiner Ausbildung und Arbeitserfahrung in Eritrea Potenzial mitbringe. Ausschlaggebend war zudem, dass Wide fachliche und administrative Unterstützung von «I-B-A-20+» erhalten hat. Das kantonale Brückenangebot habe viele Abklärungen und administrative Aufgaben bezüglich Anstellungsformalitäten und berufsbegleitender Weiterbildung übernommen. Das war für Wide wertvoll und zeitsparend. Für Wide als typischen Schweizer KMU-Betrieb wäre dieser Mehraufwand ohne externe Unterstützung nur unter grossen Schwierigkeiten zu bewältigen gewesen.

Eyobs Praktikum wurde nach einem Monat um ein Jahr verlängert. Die IT-Firma gibt ihm so Zeit, sein Fachwissen weiter zu vertiefen und seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Das Praktikum dient Eyob aber auch zur Standortbestimmung. Lohnt es sich für ihn, zunächst eine verkürzte Lehre zu absolvieren, oder soll er besser ohne Umwege eine Festanstellung suchen? Für Eyob ist der Fall klar:

«Auch wenn ich in Eritrea bereits eine Informatikausbildung abgeschlossen habe, möchte ich in der Schweiz nochmals eine Ausbildung absolvieren. Denn ohne Schweizer Diplom ist es schwierig, eine Festanstellung zu finden.»

Eyob habe sich gut ins Team eingefügt, sagt Welsch. Seine Flexibilität und schnelle Auffassungsgabe würden von den Arbeitskolleginnen und -kollegen sehr geschätzt. Das Team spüre, dass Eyob das Praktikum als wichtige Chance erachtet und sich entsprechend engagiert. Die Sprache sei zurzeit das grösste Hindernis. Deshalb lernt Eyob neben dem Praktikum weiterhin intensiv Deutsch. Zudem besucht er den allgemeinbildenden Unterricht (ABU) an der Berufsschule Goldau. Wide begleitet ihn auf diesem Weg. «Der Unterricht und der Arbeitsalltag helfen ihm, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er macht Fortschritte.»

Kerstin Welsch ist überzeugt, dass die Anstellung von Filmon Eyob ein guter Entscheid war, auch wenn dies der Firma in der Anfangsphase ein grösseres soziales Engagement abverlangt:

 

«Wir sind der Meinung, dass sich auch eine Firma engagieren und der Gesellschaft etwas zurückgeben sollte.»


Anderen Firmen rät Kerstin Welsch, sich zur Klärung der Anstellungsformalitäten und für Informationen zu berufsbegleitenden Weiterbildungsangeboten Unterstützung bei Fachstellen oder Hilfswerken zu holen. Danach gelte es, sich auf den Prozess einzulassen und ein wenig Zeit zu investieren.


Ein Umwelttechniker auf der Baustelle

Seit Mai 2016 arbeitet Mario Ramohavelo als saisonaler Angestellter im Papiliorama in Kerzers. Es ist für ihn in der Schweiz die erste entlöhnte Stelle, die inhaltlich seiner eigentlichen Ausbildung entspricht. Denn Ramohavelo ist ausgebildeter Umwelttechniker und Reiseführer im ökologischen Tourismus. In seinem Herkunftsland Madagaskar arbeitete er zehn Jahre lang als wissenschaftlicher Assistent in den Bereichen Biologie, Primatologie und Forstwissenschaften. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes lernte er seine Frau Clémence kennen. 2008 folgte er ihr in die Schweiz, die beiden heirateten und haben heute drei Kinder.

«Mir war bewusst, dass es für mich in der Schweiz beruflich nicht einfach sein würde.»

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In der Schweiz angekommen arbeitete Ramohavelo als Zeitungsausträger und während über sechs Jahren auf verschiedenen Baustellen: Er war Bauarbeiter, Asbestsanierer, Hilfsmaurer, Landschaftsgärtner und Dachdecker. Hier eine Stelle als Umwelttechniker zu finden, zeigte sich trotz Anstrengungen schwierig, denn die Konkurrenz in diesem Bereich sei gross, auch für SchweizerInnen.

Ramohavelo ist flexibel und lernwillig. Er besuchte Kurse zur beruflichen Integration, absolvierte verschiedene Praktika und bewarb sich immer wieder für Stellen in den Bereichen Umwelt oder Tiere, denn die Natur ist seine Leidenschaft. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter sammelte er wertvolle Erfahrungen im Zoo Zürich und passte seinen Berufswunsch an: Eines Tages möchte er als Tierpfleger arbeiten. Im Moment ist die Ausbildung dazu jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich.

Mittlerweile kennt Ramohavelo den Schweizer Arbeitsmarkt und kann sich auf ein soziales Netz stützen. Doch ihm fehlt ein Schweizer Diplom. «Meine Arbeitserfahrung in Madagaskar wird hier in der Schweiz nicht anerkannt», sagt er. Auch die Sprache sei eine grosse Herausforderung. Ramohavelo spricht fliessend Französisch, eine der Landessprachen in Madagaskar. Deutsch musste er aber von null auf lernen.

«Die Stelle im Papiliorama gibt mir Hoffnung und Selbstvertrauen.»

Im Papiliorama führt Ramohavelo heute Erwachsene und Kinder durch die tropischen Lebenswelten der Schmetterlinge. Auf Deutsch und Französisch vermittelt er den BesucherInnen Informationen und sensibilisiert sie für die Problematik der Zerstörung von Tropenwäldern.
Dreimal hatte sich Ramohavelo beim Papiliorama blindbeworben und war selber überrascht, als es diesen Frühling klappte: «Es ist zwar nur eine saisonale Stelle und als Familienvater wäre eine Festanstellung besser. Aber die Stelle ist spannend und abwechslungsreich und hilft mir auf meinem beruflichen Weg in der Schweiz.»

 


Ein Journalist wird Sozialarbeiter

Als 19-Jähriger entdeckte Jathurshan Premachandran per Zufall seine Leidenschaft für den Journalismus. Eigentlich war er nach Abschluss des Gymnasiums nach Colombo, die Hauptstadt Sri Lankas, gezogen, um dort Jura zu studieren. Parallel dazu begann er ein Praktikum bei einer tamilischen Tageszeitung und fand Gefallen an diesem Beruf. Der junge Praktikant zeigte journalistisches Talent, erhielt eine Festanstellung und wurde später stellvertretender Chefredaktor, verantwortlich für das Dossier der Indischen Nachrichten. Premachandran dachte nicht mehr an ein Jura-Studium sondern begann eine berufsbegleitende Journalismus-Ausbildung.

Diese konnte er jedoch nicht abschliessen, denn im Jahr 2008 musste er aus Sri Lanka fliehen. Aufgrund seiner kritischen Berichterstattungen über die regierende Partei und regierungstreue Gruppierungen war Premachandran zunehmend bedroht worden. Via Botschaftsasyl gelangte er in die Schweiz.

«Eine Stelle in der Gastro-Branche suchen zu müssen, das war für mich ein Schock.»

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Nach 5 Monaten in der Schweiz erhielt Premachandran einen positiven Asylentscheid und begann, sich mit seiner beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Er wollte im Journalismus bleiben, doch sein Sozialberater legte ihm nahe, eine Stelle im Gastro-Bereich zu suchen. Das war für ihn ein Schock: «Die Leute sehen die Tamilen in der Gastronomie arbeiten und denken, dass wir nur in diesem Bereich Fähigkeiten hätten.» Mit diesem Vorurteil habe er immer wieder zu kämpfen.

Das war vor rund sieben Jahren. Heute ist Premachandran 31 Jahre alt. Er fühlt sich in Baden zu Hause und kennt hier viele Leute. Seit kurzem arbeitet er bei der Stadt Aarau als Kontaktperson für jugendliche Asylsuchende.

«Mein Studienbetreuer meinte, ich hätte die Fähigkeiten zum Sozialarbeiter und ermutigte mich zu einem Studium.»

Der Weg bis hierhin war geprägt von unzähligen Versuchen und hartnäckigem Engagement. Premachandran war Praktikant in einem Pflegezentrum, freiwilliger Mitarbeiter bei diversen Integrationsprojekten, Kursleiter bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, interkultureller Dolmetscher und Betreuer in einem Asylzentrum. Immer wieder musste er sich die benötigte Beratung und finanzielle Unterstützung selber suchen und mit den Behörden verhandeln. Er begegnete aber auch Menschen, die ihn ermutigten und wertvolle Kontakte vermittelten: Sein Studienbetreuer brachte ihn auf die Idee eines Sozialarbeit-Studiums und unterstützte ihn bei der Bewerbung mit einem Referenzschreiben. Wenn alles klappt und er noch eine Prüfung besteht, kann Premachandran bald ein berufsbegleitendes Studium in sozialer Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften beginnen.